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Bear Pride sprach mit dem frisch gewählten Mr. Bear Germany 2016, Achim aus Köln.

Eine Grundfrage – die zu deiner Person: Woher kommst du? Wo lebst du? Was machst du?

 

Ich bin 34 Jahre alt und wurde in Würzburg geboren. Aufgewachsen bin ich aber in der Schweiz bei Zürich. Seit 2013 lebe ich nun wieder in Deutschland, in Köln. Ich arbeite bei einer TV-Produktionsfirma in Köln.


Du gehörst zur jungen Generation in der „Bärenszene“. Wie hast du zu ihr gefunden und was macht für dich Bärenszene aus?

 

Wie genau das ablief, weiß ich gar nicht mehr. Ich habe irgendwann gemerkt, dass ich auf kräftige, behaarte Männer stehe, und so habe ich dann Kontakt zur Bärenszene bekommen. Im Zeitalter von Facebook etc. ist es ja auch nicht schwierig, Bären in anderen Städten kennenzulernen. Als ich dann nach Köln kam, habe ich schnell Kontakt zu anderen Bären gefunden.
Ich bin aber kein allzu großer Szenegänger. Ich habe hier tolle Freunde, die zwar auch größtenteils bärig sind, aber ich empfinde das nicht als „Szene“. Ich finde es aber super, dass es Lokale wie das Cox oder das Barcelon gibt, wo man andere Bären treffen und kennenlernen kann. Solche Treffpunkte sind wichtig, gerade für Leute, die neu in einer Stadt sind.


Du lebst ja in einer Stadt, die eines der Zentren schwulen Lebens ist. Wie lebt es sich dort für dich? Brauchst du denn überhaupt Szene?

Ich empfinde es als sehr befreiend, in einer Stadt zu leben, in der Schwulsein für die meisten Leute zum Alltag gehört. Ich habe hier überhaupt keine Bedenken, offen schwul zu leben, und habe in den 2 Jahren, die ich hier wohne, auch noch nie Anfeindungen oder Probleme deswegen erlebt.
Dennoch ist eine schwule Szene wichtig, denn im „schwulen Leben“ gibt es nun mal Aspekte, die ein Heterosexueller nicht kennt, und wo es sich allenfalls schwierig gestaltet, mit Heterosexuellen darüber zu reden. Damit Schwule sich also über solche Themen austauschen können, braucht es Treffpunkte wie Bars oder Lokale. Und auch das Zusammengehörigkeitsgefühl unter Schwulen wird durch eine lebendige Szene gestärkt.

 

Was hat dich bewogen, an einer Wahl zum Mr. Bear teilzunehmen?

Die Kandidatur war für mich in erster Linie ein Spaß, ein Abenteuer. Mir war aber klar, dass ich nur dann teilnehme, wenn ich auch ne gescheite Message habe. Und diese Message ist für mich der Einsatz gegen die Stigmatisierung von psychischen Krankheiten in der Szene.

 

Wie hast du die Tage in Köln erlebt?

Was die Leute von Bears Cologne mit der Bear Pride 2015 auf die Beine gestellt haben, war wirklich fantastisch und gehört ordentlich gewürdigt. Es waren vier super Tage, die leider viel zu schnell vorbei gingen. Man hat ja auch an den Besucherzahlen gesehen, dass die Bear Days auch international einen guten Ruf haben, und den haben sie auf jeden Fall verdient.
Der Freitag (der Wahltag) war für mich sehr aufregend. Ich war die Tage davor krank, aber an diesem Tag hat das Adrenalin alle Symptome weggefegt. Wir hatten nachmittags schon Probe im Gloria, und die Stimmung unter den Kandidaten war super. Natürlich waren wir nervös, aber in erster Linie hatten wir viel Spaß. Die Wahl selber ging dann ganz schnell, man hat gar keine Zeit, sich groß zu überlegen, was da gerade passiert. Als ich dann meinen Namen als Sieger hörte, wusste ich überhaupt nicht, wie ich jetzt reagieren sollte. Das war ein sehr surreales Gefühl. Und dann gings los mit Fotos und Gratulationen usw., und da schwimmt man dann einfach mit.

 

Wie gedenkst du deine Funktion als Mr. Bear wahrzunehmen?
Wie siehst du überhaupt die Rolle der Schärpenträger?

Als Mr. Bear ist man ein Jahr lang „Repräsentant“ einer Szene und hat dadurch ja auch eine gewisse Verantwortung. Klar werde ich auch an einigen CSDs und Bärenpartys zu finden sein, aber vor allem werde ich mich darauf konzentrieren, was meine „Message“ ist. Ich habe jetzt die Gelegenheit, ein Jahr lang viele Leute zu erreichen, also überlege ich mir lieber gut, was ich sage.

 

Du hast in deiner Vorstellung gesagt, dass du dich besonders für Menschen mit psychischen Erkrankungen einsetzen möchtest. Was hast du vor?

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Es ist eine Tatsache, dass Homosexuelle ein viel höheres Risiko haben, an psychischen Krankheiten (damit meine ich Depressionen, Angststörungen, Panikattacken, Burn-Outs..) zu erkranken als Heterosexuelle. Studien gehen davon aus, dass im Schnitt jeder dritte (!) Schwule in seinem Leben damit Erfahrungen macht. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Ich selber habe in kurzer Zeit relativ viele Schwule kennengelernt, die mit solchen Krankheiten zu kämpfen hatten oder haben – mich selber mit eingeschlossen.

Und leider werden solche Krankheiten in der Szene immer noch stigmatisiert. Viele Schwule getrauen sich nicht, über ihre Leiden zu sprechen, da sie Angst davor haben, abgelehnt oder für „verrückt“ gehalten zu werden. Dabei sind das Krankheiten, die jeder kriegen kann, wie ein Schnupfen. Und es ist extrem wichtig, dass man über diese Krankheiten sprechen kann, denn das ist der erste Schritt zur Heilung. Daher möchte ich die Leute, die mit solchen Leiden kämpfen, ermutigen, darüber zu sprechen. Sagt, was euch quält, und teilt euch mit. Habt keine Angst vor Ablehnung.
Und noch wichtiger: Die Leute, die das Glück haben, nicht an einer solchen Krankheit zu leiden, müssen verstehen, dass es dabei nicht um „Verrücktsein“ geht. Niemand ist verrückt, weil er eine Depression oder eine Angststörung hat. In der schwulen Welt geht es leider viel zu oft darum, „fit“ und „sexy“ und „fickbar“ zu sein. Aber Schwächen sind menschlich. Keiner ist weniger wert, nur weil er krank ist. Also zeigt Mitgefühl und Verständnis, wenn euch jemand eröffnet, dass er an einer solchen Krankheit leidet. Es könnte euch genauso treffen.

Das ist jetzt mal die grundlegende Haltung, die ich den Leuten vermitteln möchte. Ich habe ein paar Ideen, wie ich das im kommenden Jahr noch intensivieren kann, aber das ist alles noch in Planung.